Meilensteine in der Geschichte der Banater Ortschaft Gertianosch (heute Carpinis/Rumänien)

 

Banat
Die Anfänge

 In den Landkarten des Banats (1761, 1778) ist nordwestlich von Bazos ein von Rumänen bewohnter Ort mit dem Namen Gertianosch vermerkt, der nach dem Frieden von Passarowitz (1718) kaiserliches Gebiet im damaligen Sankt-Andreaser Bezirk wurde. Auf Anordnung der Landesadministration fand 1766 eine Zwangsumsiedlung der Bewohner dieser Ortschaft nach dem Prädium (dt.: Weideland) DOBIN statt, wobei der Name der alten Siedlung beibehalten wurde. Die entwurzelten rumänischen Bewohner gerieten bald in große Not und beantragten schon 1779 ihre Heimkehr, welche von Wien gebilligt wurde. Infolgedessen löste sich 1781 die rumänische Siedlung im Dobin auf.

Diese Nachricht ermutigte besitzlose Söhne und Töchter deutscher Siedler aus den. umliegenden Gemeinden, ihren Wunsch nach Eigenständigkeit kundzugeben. Am 2. Juli 1781 erhielten 18 deutsche Familien aus Hatzfeld von der Wiener Hofkammer die Niederlassungserlaubnis im Dobin. Ihnen folgten Siedler aus Groß- und Kleinjetscha, Beschenowa, Bogarosch, Lenauheim, Triebswetter, Billed, Ostern. Alle wurden für 1 Jahr von Steuern befreit und in den Pfarrbüchern als "colonus" (dt.: Siedler) bezeichnet. Ein Bericht aus dem Jahre 1783 kundigt im deutschen "Nachwuchsort" 56 Häuser.Im Oktober 1784 kamen 66 deutsche Siedlerfamilien unmittelbar aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (Lothringen, Unterfranken, Luxemburg, Trier, Mainz, Bayern, Böhmen, Franken, Schwaben, Nassau, Oberschlesien). Sie wurden in den Pfarrbüchern mit dem Beiwort "neocolonus" bezeichnet und für 10 Jahre von herrschaftlichen Verpflichtungen befreit. Das deutsche Gertianosch verzeichnete nun 122 Haushaltungen.

Die Herrschaft
Zur Ansiedlungszeit wurde die Gertianoscher Herrschaft stellvertretend für den Kaiser durch die Temescher Kameralverwaltung ausgeübt um danach - 1790-93 vorübergehend und ab 1800 endgültig - von dem Agramer Bistum übernommen zu werden.
Der letzte Zusammenhang der Gemeinde mit der Herrschaft endete in den Jahren 1889-1891, nachdem Baronin Moscon, die in Pischätz (Steiermark) wohnte, das herrschaftliche Überland zum Verkauf frei gab. Die Urkunde über das Eigentumsrecht
der Gertianoscher Käufer wurde am 12. Februar 1894 in Billed unterzeichnet. 
 

Die Verwaltung
Zur Ansiedlungszeit und danach gehörten zur gewählten Dorfbehörde: Richter, Notar und Geschworene. Das Mitbestimmungsrecht des Grundherrn war jedoch bis 1848 wesentlich:
a) Er musste von der Richterwahl Kenntnis haben und dabei vertreten sein.
b) Er hatte zu dieser Wahl das Vorschlagsrecht von 3 Männern.
c) Er war berechtigt, den Richter abzusetzen.
Beginnend mit dem Jahr 1871 gab es den Gertianoscher Gemeinderat, der auf 6 Jahre gewählt wurde und aus 32 Ratsmitgliedern - 16 gewählte und 16 Virilisten (die größten Steuerzahler der Gemeinde) - bestand. Die Hälfte der Räte schied 3-jährlich aus. In der Nachtrianonischen Zeit schwankte die Zahl der Gemeinderäte zwischen 16 und 10; die Virilisten waren nicht mehr von Amts wegen Mitglieder des Gemeinderates. Gleichzeitig kam das Amt des Vizerichters und 1878 des Vizenotars (Unternotars) hinzu.

Mit den zunehmenden Verwaltungsaufgaben der Gemeinde wurden nach und nach Gemeindebeamte: Kassierer, Arzt, Tierarzt , Hebamme und Gemeindeangestellte: Polizisten (auch Plajasch genannt), Messner, Friedhofsdiener, Feldhüter (Kornick), Weingartenhüter, Nachtwächter, Kuhhalter und Schweinehalter eingesetzt.
In seinem 160-jährigen Bestehen hatte das deutsche Gertianosch ausschließlich deutsche Richter und Vizerichter und überwiegend deutsche Notare und Unternotare. Die letzten deutschen Amtsträger vor der Flucht 1944 waren Peter Michels (Richter) und der 1931 vom Gemeinderat gewählte Notar, Dr. Georg Mojem.  

 

Kriegszeiten und ihre Folgen
Der Türkenkrieg von 1788-1791 verschonte Gertianosch, jedoch beherbergten seine Bewohner Flüchtlinge aus dem Südbanat und bezahlten ihre Kriegssteuern.
Gertianosch wurde 1848 erst von den Kaiserlichen, danach von der ungarischen Landswehr (Honved) heimgesucht und jeweils zu Abgaben und zur Bereitstellung von Soldaten verpflichtet.  

 

Der 1. Weltkrieg

Im 1. Weltkrieg (1914-1918) wurden an 419 Gertianoscher Soldaten für Mut und Tapferkeit Orden und Auszeichnungen verliehen. Das auf dem Gemeindefriedhof errichtete Kriegerdenkmal steht als Zeuge des ehrfurchtsvollen Gedenkens an jene die den Heldentod starben.

Kriegerdenkmal

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu den materiellen Opfern der Gemeinde gehörten die für Kriegszwecke enteigneten Kirchen- und Friedhofsglocken (3 + 2) und die Aufwendungen zur Einrichtung eines Erholungsheimes für Genesende im Schulgebäude. Die politischen und staatsrechtlichen Folgen des Krieges berührten auch das Status quo ante (Zustand vor der Änderung) des Ortes: Nachdem 1918 Serben die Herrschaft übernahmen und Machtübergriffe ausübten (Plünderungen, Beschädigung des Gemeindearchivs) blieb Gertianosch 1919 kurze Zeit Niemandsland. Mit der Unterzeichnung des Friedensvetrages von Trianon wurde die Gemeinde eine Grenzstation zwischen Großrumänien und Jugoslawien und erst entlastet, als Rumänien am 17. August 1924 im Tausch gegen Modosch und Pardany die Großgemeinde Hatzfeld erhielt und die Grenze nach Westen verlegt wurde.

 

 

Gertianosch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der 2. Weltkrieg

Der 2. Weltkrieg war das folgenschwerste geschichtliche Ereignis für Gertianosch: 72 Gertianoscher Männer sind gefallen, blieben vermisst oder starben im Lazarett. Nach der angeordneten Flucht im September 1944 und danach blieben fast nur alte Männer und Frauen zurück. In Großbetschkerek (heute Zrenjanin/Jugoslawien) erschossen Partisanen 28 sich auf der Flucht befindende unschuldige Gertianoscher Männer wegen ihrer deutschen Volkszugehörigkeit.Maßloses Leid und bittere Not erfuhren auch die Gertianoscher durch die Zwangsarbeit in Russland, die Kriegsgefangenschaft, die Enteignung, die Zwangsumsiedlung in die Baragansteppe und nicht zuletzt durch die politische und nationale Entrechtung.   

 

Viele Gertianoscher Frauen mussten freiwilligbei dem Wiederaufbau der Sowjetunion helfen, so wurde das damalsgenannt. Viele mussten ihre kleinen Kinder zurücklassen und sie wusstennichts von ihrem Ehemann, Bruder oder Vater.

Es sei hier bemerkt, dass etwa ein Sechstel dieser Freiwilligenden Aufenthalt in den Arbeitslagern mit lebenslanger Krankheit oder gar mit demLeben bezahlt haben.

Interessant ist weiterhin zu bemerken, dass man damals fast nur Volksdeutsche für den freiwilligen Wiederaufbau abgeordnet hat. Als es ums nackte Überleben ging, war die ethnische Zugehörigkeitwichtiger als die Staatsbürgerschaft..  
 

Rumänische Kolonisten aus Oltenien, Bessarabien, der Dobrudscha, der Moldau u. a. Landesteilen strömten nach Gertianosch, nahmen die Häuser, den Boden und die dazu gehörenden Produktionsmittel in Besitz und übten ab sofort einige Jahre eine uneingeschränkte, oft willkürliche Macht im Namendes Staatsvolkes aus.
Das deutsche Gertianosch erlitt einen schmerzhaften Schicksalsschlag. Eine harmonische Einheit zwischen Raum und Natur, zwischen den seelischen Bindungen von Mensch und Mitmensch wurde zerstört. Nur allmählich fanden die sich zu Hause befindenden Überlebenden und die Heimkehrenden wieder zusammen, aber nur befristet, denn die Aussiedlung im Rahmen der Familienzusammenführung, ein unvermeidlicher Vorgang, setzte ein und ist gegenwärtig für Gertianosch abgeschlossen.
 

Kurz nach dem II. Weltkrieg "knirschte" es zwischen Tito-Jugoslawien und der stalinistischen Sowjetunion. Daraufhin wurdenalle "unzuverlässigen Elemente" aus der Grenzregion zwischenJugoslawien und dem damals besetzten Rumänien in die Baragan-Steppen im OstenRumäniens zwangsumgesiedelt. "Unzuverlässig" waren jene Bürger, die vor dem Krieg selbstständig gewirtschaftet haben und Arbeitnehmerbeschäftigt hatten. Sie waren also sogenannte "Ausbeuter" und imSommer 1951 wurden etwa 30.000 Personen kurzfristig und ohne ausreichendeVorbereitung des neuen Siedlungsgebietes umgesiedelt. Viele waren erst kurz zuvor aus den sowjetischen Arbeitslagern heimgekehrt. 


Die fertige Siedlung bestand aus Hütten,diese waren aus handgefertigten und luftgetrockneten Lehmquadern, ohne Fundament und Isolierschicht gegen aufsteigende Feuchtigkeit sowie mit Rohrgedeckt. Bei Überschwemmungen durch den Fluss Prut dauerte es nur Minuten bis sie zusammenstürzten. Die Einwohner hatten den Stempel "domiciliu obligatoriu" (dt. Zwangsaufenthalt) im Personalausweis.Übrigens: Bis zum Tode Stalins gab es keine allgemeine Bewegungsfreiheit inRumänien. So mussten z. B. Sportler mit genehmigten Listen zu denAuswärtsspielen reisen.  

Im Dezember 1989 kam es zum Sturze des Ceausescu-Regimes.Kurz danach begann die massenweise Auswanderung der Volksdeutschen. 
 


Bevölkerung:
Als quantitativer Prozess wird die Bevölkerungsentwicklung durch 3 inWechselbeziehung stehende Faktoren bewirkt: das generative Verhalten (dieFruchtbarkeit), die Sterblichkeit und die Migration. Dieser Prozesswiderspiegelt bis 1944 in Gertianosch 3 Phasen:
Phase I (ca.1785 - 1835) mit einem hohen Bevölkerungsumsatz,gekennzeichnet durch hohe Geburten- und Sterbeziffern. Den größten Überschussan Gestorbenen gab es in dem Jahrzehnt 1830-1840 als Folge einer Epidemie(Cholera).
Phase II (ca. 1835-1895) mit einer Steigerung der Zuwachsraten durch das Abnehmen der Sterbeziffern bei hohen Geburtenziffern.
Phase III (ca. 1895-1944) mit sinkenden Geburtenziffern beiSterbeziffern, die auf niedrigem Niveau relativ konstant blieben. DerBevölkerungsumsatz und die Zuwachsraten waren gering.

Im Herbst 1944 begann eine Entwicklung, die zwar einen quantitativen Anstieg der Gesamtbevölkerung, jedoch eine stark abnehmende Zahl der Deutschen verzeichnete.
Ursachen sind:
a) Die Zuwanderung zahlreicher rumänischer Familien mit einem relativ hohen Bevölkerungsumsatz und einer steigenden Tendenz der Zuwachsrate;
b) die Flucht, Kriegsgefangenschaft, Zwangsarbeit und Zwangsumsiedlung der Deutschen;
c) die Binnenmigration (Land-Stadt-Wanderung).
Zu Beginn des Jahres 2002 lebten noch 60 größtenteils ältere Deutsche in Gertianosch. 

  

Glaubensgemeinschaft: Die Gertianoscher Glaubensgemeinschaft war katholisch. Als erster deutscher Seelsorger der Gemeinde wirkte Pfarrer

Peter Graf von Klein-Jetscha. Ein selbständiges Pfarramt bekam Gertianosch mit dem 1. November 1785. Die Kirche wurde zwischen1803-1804 erbaut und am 9. Oktober eingeweiht. Der Heilige Maximilian ist ihr Schutzpatron. Für die heute noch in Gertianosch lebenden Katholiken sorgt Pfarrer Karol Nagy aus Hatzfeld.
1785 wurde der Gemeindefriedhof an die heutige Stelle verlegt und dieRosalienkapelle unter einem Kalvarienberg mit den Stationen des Kreuzwegeserrichtet.
Am 4. September 1925 wurde das Kriegerdenkmal zu Ehren der gefallenen Gertianoscher im I. Weltkrieg eingeweiht.
 

Das Kriegerdenkmal zu Ehren der gefallenen Soldaten im II.Weltkrieg konnte erst nach dem Sturz des Ceausescu-Regimes errichtet werden. Es besteht aus einem Gedenkstein mit den Namen aller gefallener Gertianoscher Soldaten und den 14 Gräbern der in Gertianosch gefallenen Deutschen Soldaten.
 

 

Wirtschaft

Die Landwirtschaft:
Lebensgrundlage für die Mehrheit deutscher Gertianoscher Siedler war, bis zurEnteignung (1945), die Landwirtschaft.
Im Feldbau herrschte anfangs die Dreiflurenordnung:

1. Sommerflur, 2. Winterflur, 3. Brache, um danach,beginnend mit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, schrittweise zu einermodernen Agrotechnik überzugehen.

Peter Klug kaufte 1924 den 1. Traktor. In der Gemeinde gabes 1935 schon 95 Sämaschinen, 62 Quadratsetzer, 96 Mähmaschinen, 5 Traktoren, 1Saatreinigungsmaschine,

1 Sä- und Kunstdüngermaschine u.a.. 

Es ist zu vermerken, dass die Viehzucht der Zweckmäßigkeiteiner optimalen Auslastung jedes einzelnen Bauernhofes untergeordnet war, dadie Gemeinde keine Hutweide besaß. Eine Ausnahme bildete die Schweinezucht undbegrenzt die Hühnerzucht. Schweine wurden nach Temeschburg und Wien, Hühner undEier nach Italien geliefert.
Mit Erfolg versuchten sich auch einige Gertianoscher in der Bienen- undSeidenraupenzucht. Die Seidenraupenzüchter lieferten 850 kg Kokons (im Jahr1922) und 156 Bienenvölker erzeugten (1934) 2340 kg Honig.
    
Das Gewerbe:
Eine sich im ländlichen Raum entwickelnde Gemeinschaft benötigt unverzichtbardas Handwerk. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung der Gemeinde konnte dasGewerbe die Schwierigkeiten der Ansiedlungszeit schrittweise überwinden und imJubiläumsjahr 1935 mit Stolz 33 Zweige vorzeigen. Die Gertianoscher Meistergenossen in der Gemeinde, aber auch darüber hinaus hohes Ansehen, denn sieleisteten Qualitätsarbeit und sorgten gleichzeitig für gut ausgebildetenNachwuchs. So machten 1935 in Gertianosch 21 Lehrlinge und 30 Geselleneine gründliche handwerkliche Ausbildung.
 

  

Die Industrie:
Im 19. Jh. entstanden auch in Gertianosch industrielle Unternehm dielandwirtschaftliche Erzeugnisse und Tonerde, die hier in einer Tiefe von 1,5 mbis 18 m reichlich vorzufinden ist, verarbeiteten. Schon 1854 wurden dreiZiegeleien errichtet: die "Große Ziegelei" von Christian Kloß, die"Kleine Ziegelei" von Michael Röser und eine dritte von der Gemeinde.Die ersten zwei kaufte nach dem 1. Weltkrieg die Familie Petö aus Billed undänderte die Firmennamen in: "Concordia" bzw. "Doktor PetöZiegelei AG". Ihre Erzeugnisse, die Mauer- und Dachziegel bester Qualitätwaren in ganz Rumänien gefragt.
Am 10. August 1881 war die Windmühle fertiggestellt und erbrachte, bei gutemWind, eine Tagesleistung von 25 Meterzentner Getreide. Leider fiel dieses romantische Gertianoscher Wahrzeichen der Verwendung einer regenerativen Energie 1930 den Feuerflammen zum Opfer.

Eine Flachmühle wurde 1906 erbaut, zwischen 1880-1890 die erste Dampfmühle,1918 stellte man die "Kotila" Mühle auf Motorbetrieb um, der 1924 die"Torontaler Walzmühle AG" folgte. Zwei Ölmühlen verarbeiteten Raps,Sonnenblumen- und Kürbiskerne, Hanf-, Lein-, und Moharsamen. Hinzu kamenzwischen den 2 Weltkriegen noch mehrere Schrotmühlen.
Andere industrielle Unternehmen waren: eine Rollvorhangfabrik, eine Essigfabrik, Branntweinbetriebe, Milchgenossenschaften, Käsereien und Metzgereien.
 

Der Handel:
Mit dem Bau der Bahnlinie "Szegedin-Temeschwar" im September 1857entstehen in Gertianosch einige Zweige des Großhandels. Spitzenreiter waren die"Produktenhändler" (Getreide) , die 1873 schon 17 Lagerräume hatten.Die Holzhandlungen führten auch Eisenwaren, Kalk und Baustoffe.
Der sich im Aufschwung befindenden Wirtschaft folgten auch moderne öffentlichrechtliche und genossenschaftliche Kreditinstitutionen. Die erste Sparkasse ,als "Gertianoscher Sparkasse" bezeichnet, wurde 1871 von Adam Röserins Leben gerufen. Der Gründer des "Gyertyamoscher Selbsthilfeverein" war Oberlehrer Matthias Hoffmann. Es folgten: der "Spar- und Vorschussverein", die "Gyertyamoscher Raiffeisen-Genossenschaft", die "Landwirtschaftliche Kreditgenossenschaft"und die "Kreditgenossenschaft".
 
 

Die Dienstleistungen:
Der Einzelhandel passte sich in der Angebotsform und der Zusammensetzung demWandel der Zeit an. Die 12 Geschäfte ("Greislereien") führtenGemischt- und Schnittwaren und für das leibliche Wohl sorgten 10 Gaststätten.
Gleichzeitig mit der Eisenbahn bekam Gertianosch ein Postamt (1857), das auchfür die Ortschaften Klein-Jetscha, Billed, Alexanderhausen, Neusiedel, Ketscha,Bobda, Tschene, Nemet, Uiwar, Pustinisch, Aurelhausen, Otelek, Johannisfeld, Pardany und Itebe zuständig war. Der Telegrafendienst wurde 1887 eingeführt undfusionierte 1888 mit dem Postamt. Das Telefon kam 1904 hinzu.
Als Pioniere des Gertianoscher Gesundheitswesens wirkten: Dr. ConstantinAdamowitz (ab 1855), Margarete Noll und Elise Englert, Hebammen (ab 1867) undAlexius Basel, Apotheker (ab 1880).
Nach der großen Zäsur von 1944 setzte sich ab 1948 schrittweise die Idee dersozialistischen Planwirtschaft in allen Wirtschaftszweigen durch. So entstehtin der Landwirtschaft (teilweise erzwungen) auch in Gertianosch eine LPG(Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft), ein landwirtschaftlicher Großbetrieb auf der Grundlage des genossenschaftlichen Eigentums an denProduktionsmitteln, hauptsächlich des Bodens. Der anfangs verzeichnete Fortschrittdurch die Einführung industrieartiger Produktionsmethoden wurde durch dienegativen Folgen der Planwirtschaft bald relativiert und beschleunigte den vonder forcierten Industrialisierung eingetretenen Prozess der Landfluchtqualifizierter Arbeitskräfte in die Ballungsräume Temeschburg und Hatzfeld. DasHandwerk wurde fast ausschließlich von Deutschen in vorwiegend verpflichtenden genossenschaftlichen Strukturen (Handwerkergenossenschaft) ausgeübt.
Durch die Zwangsnationalisierung der wichtigsten Produktionsmittel (11.06.1948)löste, in einer Nacht- und Nebelaktion, das sozialistische Eigentum dasPrivateigentum ab. Infolgedessen bestimmte ausschließlich der Staat diewirtschaftliche Entwicklung aufgrund von Jahres- oder Fünfjahresplänen. Dassozialistische Experiment endete in Gertianosch nach über 40 JahrenPlanwirtschaft mit einer traurigen Bilanz - eine herabgewirtschaftete Gemeinde- die sich nur schwer aus eigener Kraft erholen kann. 
 

Schule:
Obwohl die ersten Siedler noch nicht in der Lage waren einen Schulmeister zubezahlen,   lehrte schon 1781 Johann Fuhrmann, ein begabter Handwerker, 18 Schüler in seinem Haus. Johann Müller wurde 1788als erster geschulter Lehrer von der Gemeinde beauftragt, 115 Schüler zu unterrichten. Im Schuljahr 1884/85 besuchten 589 Alltagsschüler den Unterricht.
Die 1888 eingerichtete "Ovoda“ (Kindergarten) wurde von der staatlichenhöheren Behörde mit der Absicht angeregt, die Magyarisierung und in derNachtrianonischen Zeit die Romanisierung zu beschleunigen. Der muttersprachlicheUnterricht spielte, kraft Gesetz, hin und wieder zwangsweise eineuntergeordnete Rolle. Allen Maßnahmen zum Trotz blieb das Vorhaben erfolglos.
Zu den Erzieherinnen und Lehrer(innen) der ersten Stunde gehörten: ElisabethBallauer, Hilde Barbu (geb. Ballauer), Josef Gilde, Antonia Gerhardt(Erzieherin), Nikolaus Gerhardt, Marianne Neidenbach, Nikolaus Schmidt. Im Laufe der Jahre kamen für längere Zeit noch viele andere dazu: Katharina Arany(geb. Keller), Dorothea Schmitz (geb. Bell), Hiltrud Hochstrasser (geb.Mehler), Adeline Mehler (geb. Martin), Anna Wehner (geb. Heine), alsErzieherinnen und die Lehrer(innen) Herta Bürger, Theresia Csaftary, Herwig Gross, Ernestine Hary (geb. Schütz), Eva Heumann (geb. Schummer), Eva Jakob(geb. Engel), Josef Jakob, RüdigerJanzer, Johanna Jost, Hans Jung, Hans Kling, Hedwig Lukas, Käthe Lazar, WalterMehler, Hildegard Mojem (geb. Mersdorf), Walter Petz, Maria Ruß (geb. Klein), Josef Stelzner, Magdalene Wambach (geb. Jost), Heidrun Zamfir (Schackmann), Petronella Wetzler.
 

Vereine:
Etwa 28 Vereine und Körperschaften, die zwischen 1869 und 1944 wirkten(beispielsweise: Gesangsverein, Bauernverein, Handels- und Gewerbeverein,Mädchenkranz, Feuerwehrverein, Gertianoscher Sportverein, Bauernkapelle,Muth'sche Kapelle, etc.), ergänzten die Wirkungsbereiche der Schule und derKirchengemeinde und taten im hohen Maße Dienst am Wohlergehen der Gemeinschaft,an der Erhaltung ihrer Eigenständigkeit, auch dann, wenn die Staatsnation ihre Assimilationspolitik durchsetzen wollte.
   

Stimmung gab es reichlich zum Kirchweihfest. Es dauerte von Samstag bisDienstag, und weil es so schön war, gab es noch einen Nachschlag, die so genannte Nachkirchweih

 

 

Neuanfangin Deutschland:
Der Entschluss, seine Heimat zu verlassen, reift nicht "überNacht". Wenn ein ganzer Volksstamm sich (ohne Abstimmung) darübereinig wird, so müssen im Vorfeld schon einige "überzeugende"Erlebnisse geschehen sein... Andererseits wird ein Neuanfang auch nurgewagt, wenn die Hoffnung auf ein besseres Leben damit verknüpft ist.Der Neuanfang, oftmals von absolut Null, war kein Zuckerschlecken.
 

Selbstverständlich gab es auch somanches Wiedersehen mit dem alten Heimatort. Es kann auch ratsam sein, sich seine schönen Erinnerungennicht zu zerstören…
 



Bemerkenswert:
Aus der Vielfalt dauerhafter Werte, zu derer Entstehung Gertianoscher einenwesentlichen Beitrag leisteten, sind besonders hervorzuheben:

Das Triptychon "Einwanderungder Deutschen in das Banat", ein Kleinod Banater Kunstmalerei, das in Gertianosch seinen Ursprung nahm, denn der Heimatmaler Stefan Jäger wurdevom Gertianoscher Adam Röser angeregt und tatkräftig unterstützt, sein Werk inder uns bekannten Form zu vollenden. Zu Pfingsten 1910 fand die Enthüllungdes in Römers Haus geschaffenen Gemäldes, anlässlich der Landwirtschafts- undGewerbeausstellung in Gertianosch statt. Dadurch gewann das Echo dieserAusstellung für die Banater Schwaben eine historische Dimension.

Der Gertianoscher Konviktverein(katholisches Schülerheim), einzigartig für das Banat, errichtete und betreuteein Schülerheim in Szegedin und ermöglichte den begabten GertianoscherSchülern den Besuch einer Mittelschule.
Die territorialen Veränderungen nach dem 1. Weltkrieg bewegten denGertianoscher Gemeinderat zu beschließen, das Konvikt zu veräußern und denErlös in ein ähnliches Projekt zu investieren. Die Gelegenheit bot sich 1925als in Temeschburg mit dem Bau der "Banatia" begonnen wurde.Gertianosch zeichnete Anteilscheine für 2.000.000 Lei bei der "BanatiaHausbau AG". Zusätzlich wurden von Privatpersonen und GertianoscherVereinen Anteilscheine im Wert von 105.000 Lei gezeichnet.
Für die Innenausstattung des Schülerheims der "Banatia" beantragteder in Temeschburg praktizierende Gertianoscher Arzt Dr. Nikolaus Hoffmanneine großangelegte Stiftungsaktion, die in der deutschen Banater Bevölkerungbesondere Resonanz fand und mit einem bedeutenden materiellen und moralischenErfolg abgeschlossen wurde.

Dr. Nikolaus Hoffmann trug wesentlich dazu bei, die deutschen Ärzte des Banatesin der "Semmelweis-Ärztegruppe Banat" zusammenzuführen.

Die Gründung des"Deutschen Banater Sängerbundes" erfolgte auf eine Initiative desGertianoscher Gesangvereins. Gemeindepfarrer Otto Dittrich war sein ersterLeiter und danach Ehrenobmann. Der Sitz des Vorstandes befand sich bis 1931 inGertianosch.
 

Am 14. September 1947 trafen sich acht Landsleuteauf zu einem grundsätzlichen Gespräch über die Situation der BanaterSchwaben. Unter ihnen war auch Dr. Matz Hoffmann. Die kleine Runde kam überein,einen "Ausschuss der Banater Schwaben" zu bilden. Matz Hoffmann wurdezum Vorsitzenden gewählt. Aus diesem Kreis entstand die "Landsmannschaftder Banater Schwaben in Westdeutschland e.V." Dr. Matz Hoffmann war von 1947 bis 1953 der erste Vorsitzende derBanater Landsmannschaft, dann dankte er aus Gesundheitsgründen ab und wurdezum Ehrenvorsitzenden gewählt.